Warum Rituale uns Menschen guttun – und wie sie auch dein Leben verbessern

Wenn ich erzähle, dass ich unter anderem als freie Rednerin und Ritualbegleiterin tätig bin, ernte ich manchmal einen schrägen Blick. Ritualbegleiterin? Das klingt in manchen Ohren so, als würde ich Gläserrücken oder Pendelsessions begleiten und auf jeden Fall etwas tun, das ein klein wenig zu esoterisch ist. Doch da kann ich beruhigen. Die Rituale, mit denen ich zu tun habe, sind etwas ganz anderes.
Rituale sind so alt wie die Menschheit selbst
Obwohl Rituale gerade trenden (man denke nur an die Raunächte, die immer mehr Menschen für sich entdecken), sind sie kein modernes Phänomen. Rituelle Praktiken gab es schon vor 12.000 (!) Jahren (https://nationalgeographic.de/geschichte-und-kultur/2024/07/weitergabe-ueber-500-generationen-das-aelteste-ritual-der-welt/). Rituale zogen sich durch die Menschheitsgeschichte und waren für unsere Vorfahren überlebenswichtig, da sie so etwas wie den sozialen Kitt darstellten und den Menschen das Gefühl gaben, Teil einer Gemeinschaft zu sein. Daran hat sich bis heute nicht viel verändert.
Was sind Rituale eigentlich?
Doch bevor ich so selbstverständlich weiter von Ritualen spreche, möchte ich mich der Frage widmen, was Rituale überhaupt sind. Eine einfache Definition könnte lauten: Rituale sind Handlungen, die nach festen Regeln ablaufen, oft feierlich und mit hohem symbolischem Gehalt. Sie sind geprägt von festgelegten Worten, Gesten oder Handlungen. Rituale können
- religiös (z.B. Gebete, Feiern)
- esoterisch (z.B. Räuchern)
- weltlich (z.B. Nationalhymne bei Länderspielen)
- alltäglich (z.B. Gute-Nacht-Geschichte für deine Kinder, gemeinsames Abendessen)
- oder psychologisch (z.B. Achtsamkeitsübungen)
sein.
Sie markieren Übergänge, ordnen unsere Gefühle, schaffen Verbindung, geben uns Sicherheit und sind weit mehr als blosse Gewohnheiten.
Garantiert hast du auch Rituale in deinem Alltag, die dir guttun. Vielleicht ist dir das gar nicht hundertprozentig bewusst, denn wir integrieren viele Rituale in unser Leben, ohne sie explizit so zu nennen. Wenn ich nachdenke über meinen Alltag nachdenke, kann ich gleich mit mehreren Beispielen dienen:
- der erste Kaffee am Morgen, den ich immer in Ruhe trinke
- Abendspaziergang mit meinem Mann und unserem Hund, bei dem wir uns erzählen, was wir an dem Tag erlebt haben
- meinen Glücksbringer festhalten, wenn ich vor Herausforderungen stehe
- Sonntags ein besonders feines Mittagessen kochen und es in Ruhe geniessen
- auf Urlaubsreisen mindestens in einer Kirche eine Kerze anzünden und an meine Lieblingsmenschen denken
Warum wir Rituale brauchen
Als Expertin für Rituale und Zeremonien weiss ich, dass vor allem in Umbruchszeiten Rituale enorm wichtig sind. Sie wirken wie Anker, wenn wir z.B. mit Trauer oder einem Neuanfang zurechtkommen müssen. Ausserdem geben Rituale unseren Gefühlen, die wir nur schwer in Worte fassen können, eine Form. Abschied, Dankbarkeit, Verlust, Neubeginn, Liebe bekommen durch Gesten, Symbole und Handlungen eine Gestalt. Ich habe es selbst so oft erfahren dürfen: ein berührendes Abschiedsritual kann mehr Trost spenden als viele Worte. Ein liebevolles Begrüssungsritual kann Nähe schaffen, bevor etwas gesagt wird.
Besonders wichtig sind Rituale für uns, wenn etwas beginnt oder endet:
- Abschied und Trauer
- Geburt und Neubeginn
- Trennung und Loslassen
- Hochzeit und Verbindung
- Berufswechsel oder Lebenswenden
Diese Lebensereignisse sind emotional aufgeladen und Rituale helfen uns, sie nicht bloss geschehen zu lassen, sondern sie bewusst zu gestalten. Dabei stiften sie Identität und machen uns unsere Zugehörigkeit bewusst, etwa zu unserer Familie, unserer Kultur oder Religion, zu einer Gemeinschaft oder einem Menschen. Sie schaffen Nähe und geben uns das Gefühl «wir erleben das zusammen».
Was sagt die Wissenschaft?
2018 erschien eine umfassende Arbeit zum Thema, deren Ergebnisse in diesem Review-Artikel zu finden sind. (https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/29130838/) In dieser Studie wird die Psychologie der Rituale untersucht. Die Autoren haben verschiedene empirische Untersuchungen zusammengefasst und drei hochinteressante Wirkmechanismen herausgearbeitet.
Rituale…
- … sorgen für emotionale Regulation: sie helfen uns mit Stress und Unsicherheit besser umzugehen, da sie unsere Emotionen strukturieren und stabilisieren.
- … fördern uns Menschen dabei, unsere Ziele zu verfolgen und Leistung zu zeigen: Rituale stärken sowohl die Motivation als auch den Fokus, weil sie unsere Ziele klarer machen und Selbstkontrolle erhöhen.
- … verbinden uns Menschen miteinander: Rituale schaffen und festigen das Gefühl der Zugehörigkeit und stiften eine gemeinsame Identität.
Diese Erkenntnisse belegen, dass Rituale unabhängig von Kultur oder Glaubenssystem eine universelle menschliche Funktion erfüllen, weil sie emotional, kognitiv und sozial wirken.
Drei einfache Rituale für dein Leben
Natürlich plaudere ich hier auch ein wenig aus dem Nähkästchen und präsentiere euch meine Lieblings-Alltagsrituale, die ich erprobt und als Bereicherung erlebt habe. Sie begleiten mich schon eine Weile und ja: mal klappts besser, mal weniger (vor allem Ritual 2…). Diese drei Rituale helfen mir, bewusster, achtsamer und positiver durchs Leben zu gehen:
- Das Dankbarkeits-Ritual
Ich nehme mir abends einen kurzen Moment und schreibe drei Dinge auf, die heute gut waren. Das können Kleinigkeiten sein oder wirklich besondere Erlebnisse. Das Dankbarkeits-Ritual dauert keine fünf Minuten und hilft, den Tag positiv abzuschliessen und überhaupt erst zu erkennen, wie viel Gutes es im Leben gibt. Als Bonus obendrauf gibt’s folgendes: Untersuchungen zeigen, dass eine dankbare Haltung Stress senkt, das Wohlbefinden stärkt und Gefühle wie Freude, Zuversicht, Zufriedenheit und ein gesundes Selbstwertgefühl unterstützt. Das können wir doch alle brauchen. - Smartphone-aus-Ritual
Ich lege mein Smartphone jeden Tag zu einer festen Zeit weg. Man kann das etwa während der Arbeit machen, um sich besser konzentrieren zu können, oder am Abend, einige Zeit vor dem Schlafengehen. Gerade dann ist es besonders wirksam. Studien zeigen nämlich, dass Bildschirmlicht am Abend unsere Melatonin-Produktion hemmt und dadurch das Einschlafen erschwert. Ausserdem hält ständiger Input das Gehirn im „Aktivmodus“, was Unruhe und Grübeln verstärken kann. Kein Smarthone am Abend = erholsamerer Schlaf in der Nacht. - Wochenabschluss-Ritual
Am Wochenende nehme ich mir Zeit zurückzuschauen. Was lief in dieser Woche gut, was war eher schwierig? Gefühle dürfen da sein, auch Enttäuschung oder Traurigkeit über Dinge, die nicht geklappt haben. Danach überlege ich mir: Was will ich nächste Woche anders oder besser machen? Das wirkt wie ein Hausputz für die Seele und sorgt für Klarheit zum Start in die neue Woche. Probiers mal aus!
Fazit: Rituale sind menschlich
Rituale sind nichts Altmodisches, sondern etwas ganz Natürliches und dabei so alt wie wir Menschen selbst. Sie bringen Struktur, geben dem Alltag Sinn, sorgen für Halt, wenn sich alles verändert, und schaffen Nähe, auch wenn man allein ist. Vielleicht ist genau jetzt ein guter Moment, mal zu überlegen: Welche Rituale habe ich eigentlich? Welche tun mir gut? Und welche würde ich gerne einmal ausprobieren? Jedes Ritual, das du bewusst in dein Leben holst, kann dir Kraft und Struktur schenken – ganz ohne Aufwand, aber mit grosser Wirkung.
